1. Kapitel

Wie Uwe Schneider aus dem Sessel kam - Uwes Stationen auf seinem Weg zur Selbsterkenntnis

Uwe Schneider ist 43 Jahre alt. Er ist glücklich verheiratet und hat zwei wohlgeratene Kinder. Mit seiner Position als Geschäftsführer der Stadt-Marketing-Gesellschaft Bad Godesberg hat er alles erreicht, was er sich als junger Beamter im Finanzamt erträumt hatte. Und trotzdem ist Uwe Schneider ständig krank.
Alle mögen ihn, man ist mit seiner Arbeit zufrieden, aber er selbst hat das Gefühl, in der ersten Reihe im Kino zu sitzen und seinem eigenen Leben zuzuschauen. Er steht neben sich. Das kann doch nicht alles gewesen sein? denkt er. Irgendwo muss ich mein Leben doch wirklich spüren? Als er von seiner Zeitung aufblickt, sieht er, wie seine Frau gehetzt die beiden Kinder für die Schule fertig macht und ihm zuruft, dass er endlich die Zeitung weglegen soll, weil er die Kinder heute fahren muss. Bevor er die Zeitung zusammenfaltet sieht er eine Annonce für ein Seminarangebot mit der Überschrift: Erkenne dich selbst und finde den Sinn deines Lebens. Dieser Satz verfolgt ihn auf den ganzen Weg zur Arbeit. Er fragt sich immer wieder verzweifelt, wie es möglich sein kann, dass er alle Ziele im Leben, die er sich erträumt hat, erreicht hat und trotzdem dieses übergroße Gefühl einer inneren Leere verspürt. Ob es anderen auch so geht? Aber eines steht für ihn fest, in so ein Seminar kriegt ihn niemand.


Als Uwe Schneider in seinem Büro ankommt, ruft er seinen Freund Ralf an, um sich mit ihm für den Abend zu verabreden. Er muss ganz dringend mal mit jemandem über seine Gedanken und Gefühle reden. Er verabredet sich mit Ralf gegen 17.00 Uhr in der Espressobar. Seine Sekretärin, Frau Franke, steckt den Kopf durch die Tür. "Herr Schneider, der Termin mit dem Bürgermeister um 17.00 Uhr ist soeben bestätigt worden. Sie können ihn vom Golfplatz abholen, anschließend sind Sie bei ihm zu Hause zum Abendessen eingeladen." Das hat mir gerade noch gefehlt, denkt Uwe. Er hatte fest angenommen, dass der Termin so kurzfristig nicht mehr zustande kommt. Jetzt muss er Ralf wieder absagen und hat wieder keine Gelegenheit mit jemanden über die Dinge zu sprechen, die ihm so wichtig sind. Außerdem kann er den Bürgermeister nicht ausstehen. "Danke, Frau Franke", sagt Uwe zu seiner Sekretärin. "Dann kann ich ja endlich unser Musikfestival-Projekt mit dem Bürgermeister besprechen." Zu seiner Sekretärin hat Uwe Schneider auch nicht den "richtigen Draht", um über das zu sprechen, was ihm so auf den Nägeln brennt. Sie versteht nicht, was in mir vorgeht, denkt er. Aber verstehe ich mich denn überhaupt selbst? Vielleicht sollte ich doch mal in so ein Seminar gehen: Erkenne dich selbst und finde den Sinn deines Lebens. Aber nein, da nehmen sicher die seltsamsten Typen daran teil, mit denen er schon überhaupt nicht zurecht kommt. Wahrscheinlich Leute aus der Esoterik-Szene - mit lila Hemden. Uwe Schneider hält sich für einen aufgeklärten, modernen Menschen. Er ist vor einigen Jahren aus der Kirche ausgetreten und macht sich gelegentlich, im Freundeskreis, lustig über die Leute, die es nötig haben auf einen Selbstfindungstrip zu gehen. Aber irgendwas stimmt nicht mit ihm. Auf eine Therapie hat er keine Lust. Aber vielleicht sollte ich mir doch einmal ein Buch kaufen, um mich selbst wirklich kennenzulernen, denkt er. Nicht einmal seine Frau Marianne weiß, was ihn zur Zeit bewegt. Seine Ängste, seine Wünsche, seine Hoffnungen, alles ist so diffus, so wenig konkret - und - er ist so oft krank. Manchmal fühlt er sich, als wäre er im falschen Film, als wäre er in seiner Lebens-Rolle fehlbesetzt. Käme jetzt eine Fee und er hätte einen Wunsch frei, dann würde er sich wünschen endlich zu wissen, wer er ist. Verdammt, er hat alles. Eine gute Arbeit, eine liebe Frau, Kinder und ein Haus - und trotzdem geht es ihm nicht gut.
"Herr Schneider, der Leiter vom Fremdenverkehrsamt ist am Telefon. Soll ich Ihnen die Akte vom Musikfestival-Projekt bringen?" "Ja, vielen Dank, Frau Franke."

Die Fahrt zum Golfplatz erweist sich als sehr zäh. Es ist Feierabendverkehr, ein Auto neben dem anderen. In fast jedem sitzt ein einzelner Mensch am Steuer. Männer in Anzügen mit Krawatte, in teuren Autos und mit unzufriedenen Mienen, wie Uwe Schneider feststellt während er im Stau nur langsam voran kommt. Ob die auch solche Gedanken haben wie ich, sinniert Uwe vor sich hin. Im Radio wird gerade eine Therapeutin interviewt. "In Ihren Seminaren können die Menschen also lernen, besser zu kommunizieren?" "Ja, wir arbeiten vor allem mit der Wahrnehmung, damit wir lernen, besser zuhören zu können, um mit unseren Mitmenschen besser auszukommen." Blödsinn, denkt Uwe Schneider. Ich will nicht lernen besser zu kommunizieren, ich will einfach nur wissen, wer und was ich wirklich bin. Aber eins ist ganz klar, zu so einem Seminar werde ich nicht gehen.

Der Abend beim Bürgermeister war, wie immer, totlangweilig, aber für Uwes Karriere überlebenswichtig. Mit freundlichem, belanglosen Smaltalk hat Uwe sich durch den Abend gequält, gehofft, dass die Zeit möglichst schnell vergeht und er sich endlich verabschieden kann. Seine Gedanken sind ganz woanders. Er spielt seine Rolle, aber er ist nicht wirklich dabei. Ob ich mal die internet-Adresse anklicke, die in der Zeitungsanzeige angegeben ist, denkt er. Auf jeden Fall fahre ich nachher noch mal kurz bei Ralf vorbei.

Als Uwe Schneider vor dem Haus seines Freundes ankommt, steht dort ein fremdes Auto vor der Tür. Als er gerade klingeln will, öffnet sich die Haustür und Ralf kommt mit zwei Männern heraus. Er stellt sie Uwe kurz als seine Arbeitskollegen vor, dann verabschiedet er sich von ihnen und geht mit Uwe ins Haus. Er wundert sich sehr, dass Uwe so spät noch vorbei kommt. Nach ein paar Drinks rückt Uwe mit seinem Anliegen heraus.
Er fragt Ralf, ob der sich auch manchmal Fragen nach dem Sinn des Lebens stellt. Fragen, wer man eigentlich ist und was man tief in seinem Inneren eigentlich will. "Seltsam, dass du mich gerade jetzt fragst", antwortet Ralf. "Klaus und Udo, meine beiden Arbeitskollegen von vorhin, waren gerade hier, weil wir in der Firma eine Weiterbildungsmaßnahme in NLP planen. Kennst du NLP?" "Ja, ich glaube das heißt Neurolinguistisches Programmieren oder?" "Korrekt", bestätigt Ralf. "Und weißt du, wir haben gerade besprochen, dass auch Leute daran teilnehmen dürfen, die nicht bei uns arbeiten. Das wäre genau das Richtige für dich. Mach einfach mit." Komisch, denkt Uwe. Gerade jetzt bekomme ich ein Angebot, an einem Seminar teilzunehmen. Ob das ein Zufall ist? Aber nein, mich bekommt niemand in so ein Seminar, auch Ralf nicht. Ralf arbeitet in einer Bank und nimmt häufiger an Psycho-Seminaren teil. Uwe lehnt die Teilnahme vehement ab.

Als Ralf ein paar Tage später, bei einem Glas Bier erzählt, was für Übungen auf dem Seminar gemacht wurden, wird Uwe noch klarer, dass dies auf keinen Fall etwas für ihn ist. So viel Nähe gegenüber so viel fremden Menschen zuzulassen, das ist wirklich nichts für ihn. Allein bei dem Gedanken fühlt er sich schon beklemmt.

Einige Wochen später ist Uwe Schneider in München, um an einem Englisch-Fortbildungskurs teilzunehmen. Als Leiter der Stadt-Marketing-Gesellschaft ist es notwendig, dass er perfekt englisch spricht. An einem Abend erfährt er vom Englischlehrer, dass ein Kollege etwas zum Thema Kommunikation und NLP vortragen würde. Weil fast alle aus dem Englischkurs dabei sind, geht Uwe Schneider ebenfalls hin. Genauso habe ich mir das vorgestellt, denkt Uwe. Ein Typ in T-Shirt und Jeans spricht über die Wahrnehmung und über die Bedeutung von Kommunikation. Uwe Schneider versucht ihn aus der Reserve zu locken. "Sind Sie Syntologe?" fragt er den Redner. Der sagt einfach nur "Nein!" und spricht weiter. Nach einer Weile fragt Uwe Schneider: "Und woher kann ich wissen, dass Sie die Wahrheit sagen?" "Was Wahrheit ist können nur Sie entscheiden", bekommt er zur Antwort. "Und wenn sich niemand anderes dafür interessiert, ob ich Syntologe bin oder nicht, dann möchte ich jetzt gern weitermachen. Wenn Sie nachher noch etwas wissen möchten, Herr Schneider, dann sprechen Sie mich doch einfach nochmal an." Uwe Schneider war beeindruckt von der Ruhe und Freundlichkeit, die der Mann ausstrahlte, obwohl Uwe versucht hatte, ihn durch provokative Fragen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Daher ging er nach der Veranstaltung nochmal auf ihn zu, um ihn zu fragen, wie er nur so ruhig und gelassen bleiben kann, obwohl jemand ihn offensichtlich mit seinen Fragen nerven will.

"Ich weiß, dass die Fragen von Menschen immer nur Fragen sind, die sie sich eigentlich selbst stellen. Da ich das weiß, kann ich ruhig bleiben und muss nicht die Zweifel, die Unruhe, das Nicht-weiter-wissen, die u.a. in diesen Fragen stecken können, übernehmen, denn das geht ganz allein sie an." Diese Antwort hat Uwe Schneider umgehauen, denn er hatte unbewusst gehofft, dass sich der Redner genauso aufregen würde wie Uwe selbst sich fühlte.
Und entgegen aller bisherigen Vorsätze fragt Uwe Schneider nach dem nächsten Seminar. Das wird auf der Insel Texel, an der Nordsee stattfinden, erwidert der Kursleiter. Und zwar wird das Seminar aus einem Feuerlauf und aus einem Biolance-Training bestehen. Auf Uwes Frage, was das Biolance-Training ist, erklärt der Kursleiter: "Das Biolance-Training ist ein 2-Tages-Training, in dem es darum geht sich selbst zu erkennen, die eigene ursprüngliche Natur und auch die sozial-gesellschaftlich stattgefundene Konditionierung. Bei der Biolance-Methode geht man davon aus, dass alle Menschen eine natürliche Veranlagung haben. Schon bei der Zeugung wird festgelegt, wie unser Körper einmal aussieht, welches Temperament wir haben werden, was wir einmal gern tun werden und was nicht. Unsere weitere Erziehung und Sozialisation kann dazu beitragen, dass wir diese Veranlagungen ausleben oder auch verhindern, dass wir sie ausleben können. Das führt dazu, dass wir uns als erwachsener Mensch nicht mehr mit uns selbst auskennen und den starken Wunsch entwickeln zu wissen, wer wir wirklich sind. Wer wären wir, wenn wir andere Erfahrungen gemacht hätten oder ganz andere Eltern gehabt hätten. Die Antwort auf die Frage "Wer bin ich?", die erhält man im Biolance-Training."

Niemand und nichts wird mich davon abhalten an diesem Seminar teilzunehmen, denkt Uwe Schneider plötzlich und meldet sich an Ort und Stelle für eine Woche Seminar auf Texel an.




Fragen, denen er sich stellen musste

Kalter Wind, grüne Felder, Schafe und weiße Häuser. Hier soll ich mich also besser kennenlernen, denkt Uwe. Er ist skeptisch und fühlt sich fremd in der Gruppe.Von den 20 Personen kennen sich viele, denn sie hatten vorher schon an einem NLP-Training teilgenommen und jetzt einfach noch ihre Kinder, Geschwister oder PartnerInnen mitgebracht.

Schon am ersten Abend soll der Feuerlauf stattfinden. Bereits am Nachmittag versammelt sich die Gruppe an der Feuerlaufstelle auf einem Abenteuerspielplatz. Uwe schaut sich die Leute an und fühlt sich absolut einsam und fehl am Platze. Mein Gott, sind diese Leute komisch, denkt er. Der Dicke da mit seinen Töchtern, der nervt. Ebenso die Zwillinge, die sich ständig aneinander messen. Und die große Blondine scheint es auf den Trainer abgesehen zu haben. Diese dürre Frau aus Kassel, die wirkt wie ein aufgeschrecktes hysterisches Huhn. Und wie wir untergebracht sind, denkt Uwe voller Unbehagen. In Häusern mit 2 - 3 Schlafzimmern, Männer und Frauen gemischt.

Das Feuerlauf-Training läuft anders ab, als Uwe erwartet hatte. Er ist überrascht. Zunächst wird über den Körper gesprochen. Über die Atmung, die Haltung, den Rücken, die Wirbelsäule und die Ernährung. Nach einer kleinen Pause, in der Obst gegessen wird, wird allen gezeigt, wie man pendelt. Uwe ist überrascht über die Ergebnisse. Langsam wird er neugierig und er fragt sich, ob er sich wohl trauen wird über das Feuer zu gehen. Nach einem leichten und gesunden Abendessen gehen alle Teilnehmer zum Abenteuerspielplatz und schichten das Holz für das Feuer auf. Dann wird ein Glaubenssatz, der uns blockiert, auf einen Zettel geschrieben und die Zettel zwischen die Holzscheite des über 2 m hoch gestapelten Holzhaufens geschoben. Jetzt, am Abend, ist es kühl und Uwe wird bewusst, dass es zwar Hochsommer ist, hier an der Nordsee aber sehr frisch ist. Der Trainer reißt ihn aus seinen Gedanken, indem er verkündet: "Wir werden jetzt das Holz anzünden, dann wird es garantiert etwas wärmer." Als das Feuer brennt, verbreitet sich nicht nur ein angenehmer Duft, sondern auch eine willkommene Wärme. Mit ruhigen, langsamen Sätzen führt der Trainer die Gruppe in eine Art Trance. Dabei entsteht ein neuer Glaubenssatz in den Köpfen: "Ich bin okay, so wie ich bin!"
Aber wie bin ich denn? Bin ich stark? Bin ich schwach? fragt sich Uwe Schneider. Ihm fehlen die Worte, um sich selbst zu beschreiben. Er möchte Antworten auf die Frage "Wer bin ich?" und der Trainer hatte ihm ja versprochen, dass er sie hier, mit Hilfe der Biolance-Methode, bekommt. Aber es kommen immer mehr Fragen und keine Antworten. Das Feuer brennt inzwischen richtig hell. Während die Gruppe wartet, bis nur noch die Glut übrig ist, wird gelernt richtig zu gehen, den Fuß richtig abzurollen und dabei gleichmäßig zu atmen. Uwe ist sich nicht sicher, ob er über die Glut gehen wird. Der Trainer hat gesagt, es ist nicht wichtig, ob man geht oder nicht, wichtig ist allein, dass die Entscheidung mit dem wirklichen Wollen übereinstimmt. Das Feuer ist inzwischen nur noch Glut und der Trainer legt sie mit einer Schaufel zu einem Teppich aus.
Vorhin, als das Feuer noch lichterloh brannte, während der Trance, fühlte Uwe sich für einen Augenblick zufrieden mit sich und richtig glücklich. Er hatte das Gefühl ganz allein am wärmenden, hellen, lichten Feuer zu sitzen und sich zu akzeptieren, so wie er ist. Dieses Gefühl möchte er am liebsten festhalten. Der erste Teilnehmer ist bereits über die Glut gelaufen und Uwe spürt ganz deutlich, dass er das auch will. Es ist ein so klares Gefühl, wie er es schon lange nicht mehr hatte. Ein Gefühl von Gewissheit und ein Gefühl eins mit sich zu sein. Er macht den ersten Schritt. Es fühlt sich an wie feuchtes Gras, seine Füße wandern unbeschadet über den Teppich und Uwe ist glücklich.

Der Abend wird ausgelassen, heiter und mit Tanzen im Semiarraum beendet. Uwe Schneider sitzt abseits in einer Ecke und betrachtet die anderen Teilnehmer. In der Nacht träumt er von seiner Jugendzeit. Als er aufwacht fühlt er sich fit und ausgeschlafen. Wieder im Seminarraum massieren sich die Teilnehmer gegenseitig die Füße mit einer besonderen Salbe. Fast niemand hat Blasen und niemand hat Verbrennungen. Dann beginnt das Biolance-Training mit einer kurzen theoretischen Einführung. Der Evolutionstherorie von Paul D. MacLean folgend hat sich das menschliche Gehirn in drei Schüben entwickelt. Der älteste Teil ist das Stammhirn, das auch bei den ersten Tieren bereits so ähnlich funktionierte wie heute beim Menschen. Es regelt die lebenserhaltenden Funktionen, wie Verdauung, Fortpflanzung und sämtliche Körperfunktionen. Der zweite Teil des Gehirns, das Zwischenhirn, entwickelte sich mit den Säugetieren. Es ist das emotionale Gehirn, das auch über Hormone die Flucht oder den Angriff steuert. Es ist der Gehirnteil, der Hierarchien braucht. Der jüngste Gehirnteil, das Großhirn, begann sich bei den Primaten zu entwickeln, denn das Leben in den Bäumen erforderte die Entwicklung der Greifhand und des perspektivischen Sehens. "Ich bin zwar selbst kein Wissenschaftler", sagt der Trainer, "aber mit Hilfe wissenschaftlicher Modelle fällt es uns leichter uns selbst und unsere Mitmenschen zu verstehen. Und dabei sind Kenntnisse über den Aufbau und die Struktur des menschlichen Gehirns sehr hilfreich."
Paul D. MacLean ist davon überzeugt, dass wir Menschen alle sozusagen die gleiche Hardware im Kopf haben. Das bedeutet, vorausgesetzt das wir gesund sind, dass wir über die Fähigkeiten und Funktionen aller drei Hirnbereiche verfügen können. Aber - die Natur ist großartig, vielfältig und immer wieder bestauenswert - jeder Mensch ist einzigartig angelegt und das liegt daran, dass die drei Hirnbereiche in unterschiedlicher Hierarchie unser Verhalten bewirken und beeinflussen.
Stellen Sie sich einmal vor es ist schon dunkel, sie wollen das Haus verlassen, aber plötzlich hören Sie ein Ihnen unbekanntes Geräusch in der Wohnung. Was tun Sie? Schalten Sie jetzt, nachdem Sie überlegt haben was zu tun ist, in allen Räumen das Licht an und überprüfen Sie woher das Geräusch stammt? Diese Fähigkeit zu einer freien Entscheidung ist in Ihrem Großhirn zu Hause. Dieser Gehirnteil wird aktiviert, wenn Sie bewusst entscheiden, was zu tun ist und was nicht. Die anderen Hirnteile arbeiten ebenfalls sowohl autonom, als auch als Netzwerk miteinander verbunden. Sie informieren sich gegenseitig und die Funktionen und Abläufe sind aufeinander abgestimmt. Wenn Sie, um bei unserem Beispiel zu bleiben, jetzt um Ihr Leben laufen, weil Sie fürchten, dass Einbrecher in der Wohnung sind, dann wird Ihr Stammhirn aktiv, und zwar in Zusammenarbeit mit dem Zwischenhirn. Die Verdauungsfunktionen werden herunter geschaltet, alle Funktionen, die bei der Flucht stören könnten, und es erfolgt ein hoher Adrenalinausstoß, damit Muskeln, Reflexe und Wahrnehmung volle Power entwickeln können. Alles, damit Sie erfolgreich vor dem Feind fliehen können.
Wenn wir im Winter Temperaturunterschiede von 20 Grad mit unserer Haut ausgleichen, z.B. wenn wir das Haus verlassen oder es wieder betreten, dann machen wir das nicht mit unserem Verstand, sondern unbewusst. Man könnte also sagen, das Unbewusste ist im Stamm- und Zwischenhirn angelegt. Oder andersherum, das was Psychologen als Unbewusstes beschreiben ist für den Hirnforscher das Stamm- und Zwischenhirn. Diese Hirnteile haben feste Programme gespeichert und sind nur geringfügig zu beeinflussen. Das Großhirn ist dagegen mit einem PC vergleichbar. Es hat vorinstallierte Programme, die uns aber noch viel Freiheit bieten. Wir können die Programme nutzen oder auch nicht. Und es hat Datenbanken, die wir mit unterschiedlichen Informationen anfüllen und wieder abrufen können.
Die Unterschiede im menschlichen Verhalten entstehen dadurch, dass die Hirnteile uns in verschiedener Reihenfolge beeinflussen.
Ich kann mich z.B. durch ein Sonderangebot dazu verleiten lassen, etwas zu kaufen, was ich gar nicht brauche (Zwischenhirn/emotional). Anschließend frage ich meine Frau, was sie zu diesem Kauf meint (Stammhirn/beziehungsdenkend). Und erst dann frage ich nachträglich, ob das wirklich ein guter Kauf war und vergleiche den Preis mit regulärer Ware (Großhirn/rational). Ein anderer Mensch würde vielleicht erst einmal überlegen, ob er die Ware wirklich braucht (Großhirn/rational). Dann würde er versuchen herauszufinden, ob er sie nicht woanders noch günstiger bekommt (Zwischenhirn/emotional). Und dann zeigt er sie seiner Frau und sagt ihr, dass er ein richtiges "Schnäppchen" gemacht hat (Stammhirn/beziehungsdenkend).

Hier noch einmal die Reihenfolge der verschiedenen Hirnteil-Aktivitäten in unserem Beispiel:

Person A.

1. Zwischenhirn/emotional
2. Stammhirn/beziehungsdenkend
3. Großhirn/rational


Person B.

1. Großhirn/rational
2. Zwischenhirn/emotional
3. Stammhirn/beziehungsdenkend.


Was bedeutet das für unser Leben? "Für mich bedeutet das", sagt der Trainer, "dass ich meine Stärken und Schwächen besser kenne, seit ich die Struktur dieser Abläufe verstanden habe. Ich weiß z.B. ganz genau, dass ich tunlichst mein Großhirn einschalten sollte, bevor ich eine Anschaffung tätige, denn ich neige zur emotionalen Entscheidung aus dem Zwischenhirn heraus. Das gleiche Verhalten, das einerseits zu einem Fehlkauf führen könnte, ermöglicht mir aber ebenso, Chancen wahrzunehmen und Gelegenheiten zu nutzen, bevor sie vorüber sind. Es kann sein, dass ich einen Fehlkauf mache. Es kann aber auch sein, dass ich ein Schnäppchen mache und richtig viel Geld gespart habe.
Ein anderes Beispiel soll noch einmal deutich machen, dass es kein gutes oder schlechtes Verhalten (Rangfolge der Hirnaktivitäten) gibt, sondern nur angemessenes. Eines, das zu mir und meinen Lebensumständen passt. Ein Bauer, der sein Feld bestellt, ist nur erfolgreich durch beharrliches Arbeiten. Der Jäger braucht Instinkt und die Fähigkeit, spontan seine Strategie zu ändern, wenn der Wind sich z.B. dreht. Ist er schnell und anpassungsfähig, kann er das Wild erlegen und erfolgreich überleben. Wenn dem Bauern ein Sturm die Ernte verdorben hat, dann hilft ihm keine Spontanität, sondern nur eine kluge Vorratshaltung. Aus diesem Grunde haben sich unsere Großhirnfähigkeiten immer weiter entwickelt, denn wir müssen langfristig planen, um zu überleben, brauchen jedoch auch die Fähigkeit, spontan auf Veränderungen zu reagieren. Wenn wir ein erfolgreiches, zufriedenes und erfülltes Leben führen wollen, dann brauchen wir ein funktionierendes Dreigehirn und die Kenntnis über die Tendenz der Reihenfolge, in der unsere drei Hirnteile bevorzugt reagieren.




Andere erkennen Uwe besser

Uwe wird nun mit Fragen konfrontiert, mit denen Sie sich auch als Leser auseinandersetzen sollten, die ihn zunächst völlig irritieren. Es sind nicht die Fragen, die ihn irritieren, aber die Reaktionen der anderen Teilnehmer. Sie sind teilweise völlig verblüfft über seine Antworten und beginnen darüber zu diskutieren. Das gefällt Uwe zunächst gar nicht und er empfindet es fast als Einmischung in seine Intimsphäre. Hat sich in der ersten Runde jeder selbst anhand der Fragen beschrieben, so geht es in der zweiten Runde darum, dass jeder vom Rest der Gruppe beschrieben wird. Uwe ist leicht schockiert, denn er hat sich als "gesellig" beschrieben, während die Gruppe ihn als "ruhig und zurückgezogen" einstuft. Und so geht es immer weiter, bis Uwe plötzlich das Gefühl hat, die anderen kennen ihn viel besser, so wie er wirklich ist, als er selbst. Erinnerungen überfallen ihn regelrecht. Seine Eltern waren sehr darauf bedacht, dass er kein Egoist würde. Wenn Besuch kam, musste er immer mit den Besucherkindern spielen, auch wenn er sich gern zurückgezogen hätte. Das ging in der Schule so weiter, Teamarbeit war angesagt, und alle waren überzeugt, das Teamarbeit sehr wichtig ist. Da war dann auch kaum Raum zum Alleinsein und zum Rückzug. Das ging später im Beruf so weiter. Aber hier ist es okay, dass er sich zurückzieht, dass er seinen Weg geht und das ist ein großartiges Gefühl.
Alle Übungen sind freiwillig und sehr unterschiedlich, damit die Teilnehmer möglichst viel Erfahrungen sammeln können, was sie mögen und was nicht, wo sie sich selbst wiederfinden und wo nicht. Uwe erfährt an sich selbst, wie seine Erziehung bemüht war, aus ihm einen gut funktionierenden, berechenbaren Menschen zu machen, auch wenn sein Selbst dabei verbogen wurde. Und er erfährt, dass es genau umgekehrt ist. Wir werden unberechenbar, wenn wir nicht wir selbst sein können.



Uwes Körper - seit 43 Jahren sein unbekanntes Zuhause

Am zweiten Tag steht der Körperbau im Vordergrund, denn auch anhand der körperlichen Merkmale lassen sich Rückschlüsse auf einen Menschen ziehen. Uwe fühlt sich bei diesem Thema zunächst überhaupt nicht wohl, denn er muss an das Dritte Reich denken. Der Trainer greift das Thema völlig unbefangen auf. "Wie ist das, wenn wir irgendwo hinkommen und Menschen treffen? Wir sehen zuerst den Körper, das Gesicht, hören die Stimme, und in Bruchteilen von Sekunden haben wir bereits ein Urteil, oder besser ein Vorurteil, gefällt. Dabei spielt der Körper eine wesentliche Rolle. Durch die Medien sind wir so programmiert, dass wir die schlanken und sportlichen Körper für die besten, gesündesten und erfolgreichsten halten. Das hat schon viele Menschen, entgegen ihren eigenen Bedürfnissen, in die Fitnessstudios getrieben."
Uwe schaut an sich herunter. Es fehlt ihm an Muskeln und an Masse, findet er. Schon sein Vater nannte ihn immer einen "dünnen Hering" und er war stolz darauf, dass er selbst ein kräftiger Mann war. Ob die anderen auch unzufrieden mit ihrem Körper sind, denkt Uwe. Er schaut zu dem Dicken hinüber und im gleichen Augenblick treffen sich ihre Blicke und Uwe wird klar, dass er im ersten Moment gedacht hatte "dieser lahme Dicke". Wahrscheinlich hat der Dicke gedacht "dieser dünne Herin ist ein eingebildeter Affe". Und damit hat er nicht ganz unrecht, denn Uwe spürt, dass er sich dem Dicken geistig überlegen fühlt. Und doch - er hätte gerne einen festeren, kräftigeren Körper und würde gern sein Hemd richtig ausfüllen. Uwe ertappt sich dabei, wie er Menschen nach dem Äußeren beurteilt und ist entsetzt.

Es scheint inzwischen eindeutig erwiesen zu sein, dass der menschliche Keimling aus drei Teilen besteht. Und dieser dreiteilige Keim sorgt dafür, dass unser Körper so aussieht wie er eben ist. Uwe wird im Laufe des Tages klar, dass Körpermerkmale sehr wohl mit Verhaltensweisen in Verbindung zu bringen sind. Und ihm wird auch klar, dass die anderen ihn auch mit daran genau erkannten - so wie er wirklich ist. So, wie er nicht sein will? Oder doch? Will er eigentlich doch so sein, aber traut er sich nicht, weil er immer noch meint so sein zu müssen, wie seine Eltern ihn haben wollten? Er sollte sich immer ein Vorbild an seinem Vater nehmen. Der war ein geselliger, fröhlicher Mensch, immer bereit auf andere zuzugehen und sich um sie zu kümmern. So war der Vater und so sollten gute, nicht-egoistische Menschen sein. Was habe ich nicht alles getan, um meinem Vater zu gefallen, denkt Uwe. Vielleicht meine ich auch nur, dass Vater mich so haben wollte wie er war. Vielleicht hat er mich auch nur an seinen Maßstäben gemessen und ich hatte imme das Gefühl, ihnen nicht zu genügen. Ich sollte vielleicht mehr essen, denkt Uwe. Auf jeden Fall Sport treiben, mehr mit Freunden unternehmen und freundlicher sein. Uwe wird bewusst, dass sein Vater einfach nur ein ganz anderer Mensch war, als er selbst. Ein kräftiger, großer Mann, allen sympathisch, immer nett. Er wusste immer, was er wollte und die Mutter liebte ihn über alles und sagte das auch ihren Kindern. "Euer Vater ist ein Mann, so wie eine Frau ihn sich wünscht. Von allen geliebt, geachtet und geehrt." Tja, denkt Uwe, und so bin ich eben nicht. Die Leute lieben meine Frau, denn sie ist so wie mein Vater. Sie ist zwar genauso dünn wie ich, und auch sonst haben wir viel gemeinsam, aber trotzdem ist sie beliebt, hat viele Freunde und steht mitten im Leben.
Uwe wird klar, dass er zwar meistens das macht, was er will, aber immer mit einem belastenden schlechten Gewissen.
Der Trainer erzählt viele Geschichten von Teilnehmern aus anderen Kursen und Uwe wird plötzlich klar, wieviel Ähnlichkeit er mit seinem Vater hat. Und plötzlich weiß er, warum er gerade hier, bei diesem Trainer, gelandet ist. Weil er ihn an seinen Vater erinnert und weil er von ihm hören wollte, dass er okay ist - so wie er eben ist.



Gott sei Dank - ich darf so sein wie ich bin!

Uwe hat einen großen Schritt gemacht, in Richtung Selbsterkenntnis und Annahme seines Soseins. Es reicht ihm jetzt nicht mehr, von anderen eingeteilt und erkannt zu werden. Er möchte sich selbst so umfassend wie möglich erkennen, und das nicht nur durch die Aussagen anderer Menschen. Wie bin ich von Natur aus? Das ist die zentrale Frage, die Uwe nun bewegt. Er spricht mit anderen Teilnehmern und erfährt, dass es vielen geht wie ihm, anderen jedoch genau umgekehrt. Sie wollen ruhiger sein, nicht so emotional, und auch nicht immer so hilfsbereit und für andere verfügbar, denn sie fühlen sich ausgenutzt. Wie schwierig das ist, sich selbst zu akzeptieren, so wie man ist, kann man gut feststellen, wenn man Frauen fragt, ob sie mit ihren Haaren zufrieden sind. In aller Regel wünschen sich die mit Naturkrause glatte Haare und die mit glatten Haaren Locken. Die mit kräftigen Haar hätten gern feineres und die mit dem feinen Haar gern stärkeres. Auch Uwe stellt sich nun viele Fragen. Wieso ist er nicht mit sich zufrieden? Warum ist er nicht glücklich, sondern so oft krank? Was wäre denn gewesen, wenn er wirklich so wie sein Vater geworden wäre? Hätte er dann nicht in der Pubertät in Opposition gehen müssen, nur um anders als er zu sein? Bisher hat er sich nie Fragen über sich selbst gestellt. Er ist den Weg eingeschlagen, den sein Vater für ihn ausgesucht hat, er ist Beamter beim Finanzamt geworden, wie der Vater es wollte. Nach seiner Zusatzausbildung als Finanzwirt bewarb er sich um die Stelle als Leiter der Stadtmarketinggesellschaft, und weil sein Vater sehr bekannt und geachtet ist, hat Uwe die Stelle bekommen. Und nun hat Uwe Aufgaben zu erfüllen, die von Natur aus gar nicht zu ihm passen. Er muss ein Team leiten, hat ständig Menschen um sich herum, die etwas von ihm erwarten, er muss um sein finanzielles Budget kämpfen und auf Veranstaltungen für Stimmung sorgen. Alles Dinge, die ihm absolut keinen Spaß machen. Aber was soll er tun?
Am Abend geht die Gruppe an den Strand. Der Trainer setzt die Gruppe wieder in eine ruhige, harmonische Trance. Er hat seine Gitarre mitgebracht. Uwe wird es übel bei dem Gedanken mit den anderen singen zu müssen. So viel Miteinander kann er nicht ertragen. Gott sei Dank geht es den anderen ebenso und die Musik kommt nun aus der "Konserve". Die ist aber auch nicht besser und so entscheidet Uwe sich zum ersten Mal in seinem Leben ganz bewusst einfach weg zu gehen. Er läuft ganz allein am Strand entlang, betrachtet den Himmel und die Sterne und ist ganz bei sich. Aus der Ferne sieht er, wie einige Teilnehmer nackt baden gehen. Er ist froh über seine Entscheidung weggegangen zu sein. Er hat nun Raum, um zu denken, Raum zum Fühlen, Raum, um sich selbst zu spüren. So bewusst und freiwillig hat er sich noch nie diesen Raum genommen. Bisher hat er das nur getan, wenn er sehr wütend war. Er hat dann die anderen einfach stehen lassen und ist wütend weggegangen. Das wurde ihm als feiges und rückgratloses Verhalten oft vorgeworfen. Aber jetzt, heute, kann er akzeptieren, dass sein Bedürfnis nach gelegentlichem Alleinsein ganz in Ordnung ist und er es frei, ohne schlechtes Gewissen, sondern mit dem Glücksgefühl bei sich zu sein, erleben darf. Es ist okay, so wie er ist. Alles in allem bietet er keine stattliche Figur. Sein Körper ist lang und schmächtig, die Schultern breit, die Hüften etwas zu schmal. Seine Hände sind etwas kurz und die Haltung verkrampft und angespannt. Er hat weiche Haut und ein fliehendes, schwach ausgebildetes Kinn. Uwe ertappt sich dabei, dass er sich mit diesen Gedanken ja schon wieder bewertet. Es ist scheinbar doch gar nicht so leicht, sich so anzunehmen wie man tatsächlich ist.
Am letzten Tag der Woche auf Texel werden Übungen gemacht, die den Feuerlauf und das Biolance-Training zusammenfassen sollen. Der Feuerlauf diente dazu mentale Grenzen zu überwinden. "Ich kann etwas Unglaubliches". Und wenn ich mein Leben ändern will, dann kann es das auch. Das Biolance-Training dagegen unterstützt die Selbstakzeptanz, und das ist die Voraussetzung, um sein Leben so verändern zu können, dass es maßgeschneidert ist und der Mensch sich darin wohl fühlt.
Um nochmal auf Uwe Schneider zurückzukommen, er hat danach noch ein einem NLP-Training teilgenommen. Nach weiteren zwei Jahren hatte er seinen Weg gefunden und lebt heute in Einklang mit seiner Umwelt und sich selbst. Ich habe mit dieser Geschichte begonnen, damit Sie liebe Leser, sich vorstellen können, welche maßgeblichen Anstöße zur Veränderung durch die Beschäftigung mit der Biolance-Methode entstehen können. Anstöße, die uns dabei helfen können unserem Leben wieder eine sinnerfüllte und zufriedenstellende Richtung zu geben. Und dazu brauchen Sie nicht zwangsläufig an einem Seminar teilnehmen. Sie können, die Fragen, denen sich Uwe Schneider stellen musste, um zu sich selbst zu finden, allein, mit Ihrem Partner und/oder Freunden und Verwandten durcharbeiten.

Die Biolance®-Methode

  biolance.de